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Sie sind hier: EnBauSa Blog > Dämmung & Fassade > Nullenergiegebäude: Wie geht das eigentlich?

Niedrigenergiehäuser waren gestern. Heute spricht der innovative Planer über Nullenergie- und Plusenergiegebäude. Doch wie geht das? Haben einige schlaue Architekten nun doch das Perpetuum Mobile erfunden? Oder ist das Ganze nur eine Verkaufsmasche?

Weder noch. Vielmehr geht es hier um Definitionen, die begrifflich aus der Alltagssprache übernommen sind, oft aber andere, spezielle Bedeutungen besitzen. Unter einem Nullenergiegebäude würde Otto Normalverbraucher ein Haus verstehen, das keine (=Null) Energie benötigt. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn jedes Haus braucht Heizwärme im Winter, Energie für die Warmwasserbereitung, Strom für Beleuchtung und Haustechnik, Energie fürs Kochen und Haushaltsgeräte.

Die entscheidende Frage ist dabei die der Bilanzierung. Die Bilanzierungsrandbedingungen für ein Gebäude oder auch eine größere Versorgungseinheit (zum Beispiel Stadtquartier) sind bisher nicht allgemeinverbindlich festgelegt, weder in der Frage, welche Energieverbrauchsanteile eigentlich betrachtet werden sollten (Bilanzgrenzen auf Bedarfsseite), noch in der Frage, welche Energieproduktion mit eingerechnet werden darf (Bilanzgrenzen auf der Erzeugungsseite).

Als unterschiedliche Bilanzgrenzen auf Bedarfsseite können beispielsweise gelten (von eng bis weit gefasst):

  • Heizenergie („Nullheizenergiehaus“),
  • Heizen und Warmwasser,
  • Heizen, Warmwasserbereitung und Hilfsstrom für Heizen, Warmwasser und Lüftung (=EnEV-Bilanzgrenze für Wohngebäude),
  • Heizen, Warmwasserbereitung, Hilfsstrom für Heizen, Warmwasser und Lüftung, Strom für Klimatisierung, Strom für Beleuchtung (= EnEV-Bilanzgrenze für Nichtwohngebäude),
  • Gesamter Energieverbrauch, einschließlich Stromverbrauch der Nutzer

Als unterschiedliche Bilanzgrenzen anrechenbarer regenerativer Energieerzeugung auf Erzeugungsseite können angesetzt werden (von eng bis weit gefasst):

  • Erzeugung am/im Gebäude,
  • Erzeugung auf dem zugehörigen Grundstück des Gebäudes,
  • Erzeugung im räumlichen Zusammenhang (Nachbarschaft, Quartier),
  • Investiv an Erzeugung beteiligt (standortunabhängig),
  • Kauf von fremderzeugten regenerativen Energiemengen (standortunabhängig).

Am einfachsten lässt sich eine Gebäude-Nullenergiebilanz darstellen, wenn man die Bilanzgrenze auf Verbrauchsseite eng und auf Erzeugungsseite weit fasst, also zum Beispiel Nullheizenergiehaus mit Wärmepumpe, die mit eingekauftem „grünen Strom“ betrieben wird. Damit wird jeder unsanierte Altbau zum „Nullenergiehaus“ und die Nullenergiebilanz ist quasi durch einen Taschenspielertrick entstanden. Am schwierigsten wird es, wenn man den umgekehrten Weg versucht: den gesamten Energieverbrauch, einschließlich Nutzerstrom, durch Energieerzeugung am Gebäude zu decken.

Wir halten fest: Eine wertkonservative, auch für Nichtfachleute glaubwürdige Nullenergiebilanz sollte auf der Verbrauchsseite mindestens die EnEV-Bilanzgrenzen einhalten, besser noch den Gesamtenergieverbrauch, einschließlich Nutzerstrom. Auf Erzeugungsseite sollte sie nur die regenerativen Energiemengen umfassen, die zumindest im räumlichen Zusammenhang, noch besser auf dem Projektgrundstück selbst erzeugt werden.

Neuere Überlegungen, auch die „graue Energie“, also den Energieverbrauch für die Gebäudeherstellung und den Abriss in die Bilanz mit einzubeziehen, erweisen sich als zweischneidiges Schwert: Einerseits wird der energetische Vorteil von Sanierungen gegenüber Neubauten deutlich positiv abgebildet, andererseits entsteht ein hoher Untersuchungsaufwand. Und drittens rückt dadurch das so motivierende Ziel der Nullenergiebilanz in unerreichbare Ferne, zumindest in unseren Breiten und beim heutigen Stand der Technik.

Eine weitere Überlegung betrifft die Anrechenbarkeit vom Gebäude erzeugter und gelieferter Energieüberschüsse (meist elektrischer Strom) und folgt der EnEV-Rechensystematik, wo erzeugte Energiemengen nur bis zu dem Grad angerechnet werden dürfen, wie sie im Gebäude selbst verbraucht werden. Der diesbezügliche Nachweis erfolgt über Monatsbilanzen. Sommerliche  Energielieferung gegen winterliche Energiebezüge zu verrechnen, wird so verhindert. Das Nullenergieziel entschwindet dadurch auch hier am Horizont. Aber Tatsache ist doch, dass sommerliche Energieinputs in das Stromnetz fossile Energieverbräuche in den Kraftwerken vermindern, denn zur Netzregelung werden nicht die Grundlastwasserkraftwerke oder Atomkraftwerke benutzt, sondern die schnell reagierenden Gasturbinenkraftwerke. Hier sind die rechtlichen Vorgaben anzupassen.

Sehr konstruktiv sind dagegen Vorstöße zu werten, die netzauslastungsabhängige Einspeisetarife vorsehen: Herrscht hoher Bedarf im Netz, ist der Tarif hoch, ist ein Überangebot vorhanden, gibt es auch wenig (oder gar kein) Geld für eingespeiste Energie. Damit werden die dezentralen Energieerzeuger motiviert, über Speichermöglichkeiten nachzudenken und ihre Eigenversorgungsstruktur zeitlich an den Einspeisetarifen zu orientieren.

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6 Antworten auf “Nullenergiegebäude: Wie geht das eigentlich?”

  1. Arno Kuschow am 29. Mai 2012 um 11:47

    Danke für die Erläuterungen und ich hoffe, daß die auch von vielen Hausbauinteressenten gelesen und verstanden werden!
    Deren Problem ist nämlich, daß die den Blick verständlicherweise auf ihre Geldbörse reduzieren, auf das „nicht für Energie bezahlen müssen“, die ganz enge Bilanzgrenze also!
    Die andere Seite, also die im Marketing, hat ein ganz anderes Interesse: mit möglichst wenig Aufwand positive Schlagworte besetzen, Verkaufsargumente schaffen – denen ist natürlich eine erweiterte Bilanzgrenze viel lieber, da wird auch ein „schlechtes“ Haus unter Umständen durch eine Spende für einen Hektar Regenwald pro forma CO²-positiv !
    Gruß
    Arno Kuschow

  2. AK am 31. Mai 2012 um 20:50

    Lieber Herr Kuschow,
    im Gegensatz zu unserer Wärmepumpendiskussion (wenn mir diese kleine Ironie gestattet ist) bin ich hier wieder einmal 100 % Ihrer Meinung.
    Herzliche Grüße
    AK

  3. Arno Kuschow am 29. Juni 2012 um 13:50

    @AK:
    Ironie ist immer gut!
    Und wenn man immer der gleichen Meinung wäre, würde nichts vorwärts gehen, Erkenntnis erwächst aus dem sich Auseinandersetzen mit neuen Einflüssen, dem hinterfragen eigener Positionen – ich hab die endgültige Wahrheit nicht gepachtet 😉
    Gruß
    Arno Kuschow

  4. CH am 13. September 2012 um 18:18

    Hallo,
    vielen Dank für den Artikel. Ich bin bisher immer auf das Schlagwort „Nullenergiehaus“ hereingefallen. Nun, da ich mich etwas näher mit Hausbau beschäftige (bin also einer dieser Hausbauinteressenten), merke ich, wie vielschichtig das Thema Energie beim Hausbau ist.

  5. Ronald am 21. Mai 2013 um 17:34

    Hallo, meiner Meinung nach ist der Artikel etwas verwirrend. Worauf soll man nun bauen und was kann man glauben bezüglich eines Energiesparhauses?

    Viele Grüße

  6. […] An dieser Stelle sei die Lektüre des Blog-Beitrags von Alfred Kerschberger zum Nullenergiehaus […]

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